Weibermarkt


von Elke Böhmler

Marktrechte wurden in der Regel bei der Stadtgründung verliehen. Die Stadtgründung Reutlingens ist zum Ende des 12, Jahrhunderts beziehungsweise Anfang des 13. Jahrhunderts anzusetzen.

Im 14. Jahrhundert wurde Reutlingen ein wichtiger Marktort und gewann dadurch immer mehr an Bedeutung. Es wurde eine Erweiterung der Stadt notwendig. In der "Neuen Stadt" bei der Frauencapelle (1320), der heutigen Marienkirche, wurde der neue Markt angesiedelt. Er trug damals den Namen "Bei der Frau Capell". Später nannte man den neuen Markt dann "Bei der Hauptkirche" oder einfach "Kirchplatz".

Dieser Markt, rund um die Marienkirche, an den sich die Obere und Untere Weibermarktgasse anschloß, diente als Zusatz- und Ausweichplatz zum ursprünglichen Markt. In Reutlingen gab es zu damaliger Zeit 5 verschiedene Marktplätze: der Korn- und Fruchtmarkt auf dem Marktplatz, der Leder-, und Schuhmarkt entlang der Wilhelmstraße bis hinauf zur Marienkirche, der Weibermarkt für Garten- und Feldfrüchte sowie Krämerwaren rund um die Marienkirche (heute noch dokumentiert durch Straßenbezeichnung), der Schweinemarkt auf dem Kanzleiplatz und ein Holz- und Kübelesmarkt bei der Nicolaikirche und dem Gartentor.

Weibermarkt

Über die Weibermärkte, also Märkte auf denen hauptsächlich Frauen ihren Bedarf deckten, lesen wir in der Chronica des Schulmeisters Fizion aus dem 17. Jahrhundert folgendes:

Zu unser Frawen Kürchen dar
Da finstu bald ein grosse schar
Weiber welche min ungestimm
Ein grosses geschnader fieren drinn
Der wirtt der Weiber Marckt genanntt
Weschafften Weiber wol bekanndt
Dann dorin würstu finden fail
Alles was begehrst ein gutten theil
on Garten Unnd von Kuchinspeis
Allerley gefligel schwartz Unnd weiss
Von Ayer, schmaltz Unnd gutten kees
Unns ander schleckerhaftig gfress
Hanff, Werckh Unnd flachs Unnd laine tuoch
Sampt allem was zum Haussgesuoch
gehörig druff zu fanden ist
Schaw nur dz dir kein Gelt geprist.-
Auff disem Platz werden auch gfunden
Zahnbrecher, Schreyer Andre Kunden
Liederdichter, Schlangenbschwerer
Leittbetrieger, gellttverzehrer;"

Für die Frauen in damaliger und heutiger Zeit war und ist dieser Weibermarkt eine wichtige Einrichtung. Bauersfrauen in traditioneller Tracht aus dem Umland boten ihre selbst hergestellten Produkte wie Käse, Schmalz, Gemüse, Geflügel, Kuchen, Süßigkeiten usw. an. Kräuterkundige Frauen verkauften ihre selbstgesammelten und gemischten Tees, Salben und Heiltränke. Hier wurde sicherlich so mancher gute Tip zur Gesundheitspflege weitergegeben.

Es gab Stände, an denen Stoffe, Garne, Spitzen, Haushaltsgegenstände, Trödel und Putzwerk feilgeboten wurde. Sicherlich wechselten hier auch die Handarbeiten die Besitzerinnen, die in den langen Wintermonaten von Frauen und Mädchen in den Lichtstuben hergestellt wurden.

Zur Unterhaltung und allseitigen Belustigung sorgten Schausteller, Moritatensänger, Drehorgelspieler und Lotterieverkäufer. Dies war ein Ausgleich für die mühevolle und oft einsame Arbeit in Haus und Hof.

Hermann Kurz beschreibt in " Der heilige Florian" auch Lausbubenstreiche, wie das Zusammenflechten der Zöpfe von mehreren Mädchen, die, wenn der Streich gelang, unter Zeter-, und Wehgeschrei sich wieder zu entwirren suchten. So mancher Zopf wurde dabei kurzerhand abgeschnitten, um sich aus der mißlichen Lage zu befreien. Kleine Racheakte gegen die Frauen und ihre Freiheiten auf dem Markt?

Sicherlich hielten hier auch heiratswillige Burschen Ausschau nach der richtigen Braut. Ein von Männern gebilligter Freiraum für Frauen, auf dem reges Treiben herrschte.

Durch das regelmäßige Abhalten des Markttages, an Dienstagen und Samstagen, war der Weibermarkt nicht nur ausschließlich Ort des Geschäftetreibens, sondern er entwickelte sich rasch zu einem regelmäßigen Treffpunkt für die Frauen, um private Neuigkeiten auszutauschen, am Stadtgespräch teilzunehmen und Wichtiges aus dem Umland zu erfahren. Dies war damals umso wichtiger, da es kein Telefon, Radio und Fernsehen gab. Das Miteinander-Sprechen war auch noch deshalb notwendig, da in früheren Zeiten viele des Lesens und Schreibens unkundig waren. Der Markt war also oft die einzige Möglichkeit für Frauen, am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Im Jahre 1987, also einige Jahrhunderte nach dem historischen Weibermarkt, machten sich in Reutlingen 15 verschiedene Frauengruppen durch Initiative der Freien Frauenliste auf, um einen neuen Weibermarkt zu schaffen. Im Spitalhof, nur wenige Meter vom Weibermarkt entfernt, stellten sie sich mit ihren Zielen und Inhalten vor. Es waren Frauen aus den verschiedenen Parteien, von Kirchengemeinden, Frauen, die für die Situation der Ausländerinnen eintreten, Frauen, die sich gegen Gewalt von Männern wehren, Gewerkschaftsfrauen, der Hausfrauenverband, das Nachbarschaftszentrum usw.

Die Botschaft war: "Wir wollen wissen, was die einzelnen Gruppen für die Situation der Frauen leisten, und diese Arbeit, die oft im Verborgenen geschieht für die Öffentlichkeit sichtbar machen." Es gab nicht nur Gespräche und Diskussionen auf dieser Fraueninformationsbörse; Sketche, kleine Theaterstücke und Folkloretänze rundeten das 2-tägige Programm ab. Laut Presseberichten war dieser Markt ein voller Erfolg für die Frauengruppen. 1989 folgte der 2. Weibermarkt mit Diskussionsthema: "Wann wird es in Reutlingen endlich eine Frauenbeauftragte geben?" Der 3. Weibermarkt 1991 wurde um ein Frauenkulturprogramm und dem Verkauf von Kunstgewerbeartikeln erweitert. Hier hatte jeder Mann die Chance, einen Blick auf die Arbeit der Frauen zu werfen, wie damals auf dem Weibermarkt an der Marienkirche. Auch 1993 fanden sich wieder viele Frauen auf dem Weibermarkt ein. Die Frauen-Geschichtswerk-statt veranstaltete ihren 1. Stadtrundgang für Frauen. Es bleibt zu hoffen, daß der neue Weibermarkt in Reutlingen zur Tradition wird.

Literatur/Quellen

  1. Barnes, Carl: Chronika von 1879, Reutlingen, 1900
  2. Dohmel, Armgard: Dokumentation zum Weibermarkt ab 1987
  3. Gayler: Historische Denkwürdigkeiten der Stadt 1840/45
  4. Keim, Karl: Alt Reutlingen, Bilder und Geschichten
  5. Reutlinger Generalanzeiger vom 9.4.1960, 21.4.1960
  6. Photo "Weibermarkt", Böhmler