Frauenkunst

im öffentlichen Raum


von Anna Barkefeld

Zwei Objekte von Künstlerinnen sind Beispiele für die aktuelle Frauengeschichte in Reutlingen. Diesen beiden Arbeiten im öffentlichen Raum standen 1993 21 Arbeiten von Künstlern gegenüber. Kunst im öffentlichen Raum unterliegt besonderen Bedingungen, die im Anschluss an die Objektbeschreibungen kurz genannt werden.

Standort: Spendhausstraße 2
Objekt: "Vogelauge", 1985, grau-blauer Edelstahl
Größe: 2,55 m
Künstlerin: Gudrun Krüger, 1922 geboren, lebt in Eningen

Das Objekt "Vogelauge" der Bildhauerin und Graphikerin Gudrun Krüger wurde im Zusammenhang mit dem Neubau der Stadtbibliothek geplant und davor aufgestellt. Auf einem Sockel erhebt sich ein schräg gestellter, länglicher Kubus, der an seinem oberen Ende abgerundet ist. Darüber scheint ein Auge, umschlossen von geschwungenen Linien, fast schwerelos zu schweben. Die Plastik ist ein aussagekräftiges Beispiel für Gudrun Krügers künstlerisches Werk, das sich vor allem mit zwei Grundelementen charakterisieren lässt. Zum einen die kontrastreiche Verbindung des statisch wirkenden, geschlossenen Blockes mit der organisch-pflanzlich anmutenden Form. Und zum anderen der Gegensatz von klaren, geraden Linien bzw. Körpern zu den z.T. nur schwer erschließbaren, verborgenen Inhalten, die von der Betrachterin geduldiges "Einsehen" fordern und die eigene Phantasie anregen. Krüger arbeitet mit immer wiederkehrenden Symbolen, die für sie Ausdruck einer existierenden Harmonie zwischen Kunst und Natur sind. Dazu gehören z.B. Dreieck, Kreis, Stern, Blatt, Mondsichel, Blüte und Auge, die sie aus ihrer beständigen Auseinandersetzung mit Kunst, Natur und Literatur entwickelt hat. Das Auge, ein geradezu magisches und interpretationsreiches Symbol, versteht Krüger auch als ein Zeichen für Weltoffenheit und der Fähigkeit des "Von-Innen-nach-Außen-Sehen-Könnens". Umschlossen wird das "Vogelauge" von einer auseinanderschwingenden an Pflanzliches erinnernden Form. Die stelenartige Konstruktion kann im Sinne von wachsend bzw. aufsteigend verstanden werden. So ist diese Plastik als ein wichtiger Beitrag zu einem umfassenden Verständnis zwischen Mensch und Kunst einerseits und Pflanzen und Tieren und Natur andererseits zu sehen.

Standort: Spendhausstraße 5
Objekt: Wandmalerei, ohne Titel, 1991
Größe: 10 x 18m
Künstlerin: Susanne Immer, 1963 geboren, lebt in Reutlingen

Im Zuge einer Neugestaltung der Spendhausstraße, d.h. im wesentlichen Abriss historischer Bausubstanz, blieben bis 1994 nur noch wenige alte Häuser stehen. Für die Zukunft sind auch diese Häuser nach dem Willen der "Stadtväter" für den Abbruch vorgesehen. Diese Planung war für den ausgeschriebenen Wettbewerb zur Fassadengestaltung von Hausnummer 5 eine problematische Tatsache. Anlässlich der Landeskunstwochen in Reutlingen 1991 schrieben die Stadt und die Volkshochschule den Wettbewerb für Künstlerinnen und Künstler der Volkshochschulen in Baden-Württemberg aus. 21 Künstlerinnenarbeiten lagen letztlich der Jury zur Entscheidung vor. Die Künstlerin Susanne Immer, deren Arbeitsschwerpunkte Objekte und Zeichnungen sind, gewann. Das für den Wettbewerb angefertigte Modell übertrug sie während der Landeskunstwochen mit kleinen Änderungen auf die ungleichmäßig strukturierte und architektonisch unregelmäßig begrenzte Wandfläche. Immers Ziel war es, Verbindungen zu schaffen, Brücken zu schlagen von den alten zu den neuen Stadtstrukturen.

So soll die Überlagerung der verschiedenen Farbflächen Assoziationen an historisch gewachsene Stadtkerne wecken. z.B. an die Verwobenheit der alten Häuser miteinander. Die Farbflächen werden an den Rändern bzw. den "Ecken" der Gesamtfläche konzentriert, so dass die Mitte zunächst "leer" wirkt. Bei näherem Hinsehen entstehen vor dem Auge vielfältige Beziehungen. Durchgezogene, direkte Linien verbinden die Flächen miteinander. Ergänzt wird dies mit indirekten, gedachten Linien, die sich aus den Verlängerungen der verschiedenen Farbflächenränder ergeben. So entsteht in der nur scheinbar freien Mitte ein "Ballungsraum" verschiedenartiger Bezüge. Die Farbwahl steht in enger Beziehung zu den umliegenden Häusern. So ist das Gelb der Nachbarhauswand, die durch den wechselnden Lichteinfall farblich variiert, mit dem Gelbton wieder aufgenommen. Das Rot findet sich in der rötlichen Tönung der Dachziegel. Unten links stellt das graue "Parallelogramm" einen Bezug zu der Fensterreihe des gegenüberliegenden Gebäudes her. Rot und Gelb sind keine "reinen" Farbtöne, sondern in sich "gesprenkelt", um die Wirkungen des Lichteinfalls zu veranschaulichen. Die Farbflächen werden hinterfangen von einer einheitlich weißen Grundfläche, um Räumlichkeit zu suggerieren. Die Färb- und Formwahl sind für Susanne Immer Elemente, mit denen sie die vielfältigen Verbindungen und Bezüge zwischen alten und neuen Stadtstrukturen herausgearbeitet hat. Die Linien und die - aus geometrischen Grundeinheiten abgeleiteten- Flächen, die sich gegenseitig durchdringen, berühren und überlagern, wollen Erinnerungen wachrufen an historische und lebendige Stadtbilder und -architekturen.

Kunst im öffentlichen Raum und ihre Bedingungen Grundlegend gelten für die Kunst im öffentlichen Raum bestimmte Bedingungen, da es sich zumeist um eine Form der Auftragsarbeit handelt. Die Künstlerinnen müssen sich mit besonderen Anforderungen auseinandersetzen. Die Erteilung einer Genehmigung durch kommunale, staatliche, private Verwaltungen oder Amtsstellen macht ein Projekt erst möglich. So hängt auch dessen Realisierung in hohem Maße von den Interessen, Vorstellungen und Erwartungen der jeweiligen "Auftraggeber" ab. Dies impliziert eine enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen Künstlerinnen, welche die Vorgaben, z.B. städtisch, baulich, zeitlich, infrastrukturell, formal und eventuell sogar inhaltlich, oft weitgehend akzeptieren müssen. Selbst für das letztlich ausgeführte Objekt gelten noch besondere Bedingungen. Ambivalent ist die Platzierung eines Kunstwerks in öffentlichen Bereichen ohne den "Schutzraum" - z.B. eines Museums. Einerseits suchen die Objekte die Auseinandersetzung und Diskussion, und anderseits können sie - trotz der für sie relevanten Entstehungsbedingungen- nicht unbedingt gesellschaftliche Toleranz voraussetzen. Dies verbunden mit der oft recht leichten Zugänglichkeit der Objekte gefährdet sie bis zu einer möglichen Zerstörung. Ein Weiteres ist die "Umnutzung" der Objekte z.B. durch die Bürgerinnen und Bürger, aber auch durch die Stadt selber. Hier stehen die eigenen Bedürfnisse über der Akzeptanz des Kunstwerkes. An den Objekten von Gudrun Krüger und Susanne Immer wird das deutlich. Der Sockel von Krügers Vogelauge wird oft als Bank genutzt, um z.B. dort noch schnell das Eis zu schlecken, mit dem man ja nicht in die daneben liegende Stadtbibliothek gehen darf. Vor Immers Objekt befindet sich ein Parkplatz, ergänzt von Steinpfeilern mit Eisenketten, so dass ein freier, unbeeinträchtigter Blick auf die Wandmalerei gar nicht möglich ist. Die wichtigste Aufgabe von Kunst im öffentlichen Raum - Anregung zur Diskussion - sollte, so ist zu wünschen, in der Stadt Reutlingen wieder mit mehr Interesse wahrgenommen werden- und dazu gehört auch die verstärkte, zumindest aber gleichwertige und sensible Platzierung von Objekten von Künstlerinnen in den öffentlichen Raum Stadt.

Literatur

  1. Grimm, Gerhard, Krüger Gudrun: Plastik und Grafik, Sonderdruck, Reutlingen, 1982
  2. Immer, Susanne: Ausstellungskatalog, Städtische Galerie-Stadthalle Göppingen, 1992
  3. Kunst und Öffentlichkeit, Beitrag der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Künste, Sektion der Bundesrepublik Deutschland zum Weltkongress der AIAP in Stuttgart 1979, Stuttgart, 1979
  4. Plagemann, Volker: (Hrsg), Kunst im öffentlichen Raum, Köln, 1989
  5. Stadtbibliothek Reutlingen, Dokumentation, Reutlingen, 1985