Laura Schradin

Kämpfende Politikerin


von Christl Ziegler

Laura Schradin gehört zu den wenigen Reutlingerinnen, deren öffentliches Engagement und Wirken in ihrer Heimatstadt nicht vollständig in Vergessenheit geraten sind. In mehreren veröffentlichten Beiträgen, mit einer kleinen Ausstellung im Heimatmuseum, seit kurzem auch durch die Namensgebung einer Straße (Laura-Schradin-Weg im Wohngebiet "Schafstall") und einer Schule wurde und wird an ihr vielfältiges politisches und soziales Handeln erinnert.

"Die Reichstagskandidatin 1920"
(Foto: Heimatmuseum)

Laura Schradin wurde als Tochter von Barbara und Johannes Pfenning am 7. September 1878 in Reutlingen geboren und wuchs in einer Weingärtnersfamilie im Rebentäle auf. Ihre Kindheit und Jugend fielen in die Zeit der Gründerjahre, die auch für Reutlingen eine wirtschaftliche Blütezeit und einen bedeutenden industriellen Aufschwung bedeuteten. Für die Zunft der Weingärtner brachte die Jahrhundertwende jedoch deren beruflichen Niedergang. (1) Wie viele Weingärtnerskinder musste auch Laura durch zusätzliche, schlecht bezahlte Heimarbeit mit zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Das persönliche Kennenlernen wirtschaftlicher Not und das Erleben krasser sozialer Gegensätze mögen für das spätere politische Engagement Laura Schradins prägend gewesen sein.

Laura besuchte, entsprechend ihrer sozialen Herkunft, die Volksschule am Gartentor, denn die teure Höhere Töchterschule konnte sich die Familie nicht leisten. Mit 18 Jahren trat sie in die Firma "Hecht und Gross" ein und arbeitete dort als Weberin. Gleichzeitig zog sie aus dem Elternhaus aus und mietete sich, entgegen dem allgemein Üblichen, wonach junge Mädchen bis zu ihrer Heirat im Elternhaus wohnten, ein eigenes Zimmer in der Tübingerstraße 67. Ebenso ungewöhnlich handelte sie, als sie mit 19 Jahren in die SPD eintrat, was vom Vater zukunftweisend und im schönsten Schwäbisch mit den Worten kommentiert wurde: "Mei Laura wird a Agidadore". (2)

Nach der Arbeit bildete sie sich durch das Lesen wichtiger zeitgenössischer politischer Standardwerke weiter, u.a. waren dies Werke von Marx, Engels und Bebel ("Die Frau und der Sozialismus") sowie Lily Brauns erfolgreiches Buch "Die Frauenfrage".

1905 heiratete sie den Kaufmann Fritz Schradin. Fünf Jahre später wurde ihre Tochter Hedwig geboren, die heute noch, hochbetagt, in Tübingen lebt.

Ihre politischen Interessen galten der von der sozialistischen und bürgerlichen Frauenbewegung teilweise kontrovers diskutierten Frauenfrage, darüber hinaus auch sozialen und erzieherischen Aufgaben. Damit bewegte sie sich durchaus im allgemein üblichen Themenbereich politisch aktiver Frauen. Sie nahm an mehreren Konferenzen der SPD teil, u.a. 1904 ander3. Konferenz sozialdemokratischer Frauen in Bremen und 1907 am Internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart, wo sie Rosa Luxemburg persönlich kennenlernte. Auch in ihrer umfangreichen Korrespondenz finden sich weltbekannte Namen wie Klara Zetkin und Lily Braun. (3)

Während des Ersten Weltkrieges organisierte sie in Reutlingen sog. "Kriegsflickwerkstätten", in denen Frauen zu einem wesentlich günstigeren Lohn zerrissene Uniformen und Bekleidungsstücke ausbessern konnten als bei der schlecht bezahlten Heimarbeit. (4)

In der Weimarer Republik hatten sich die Frauen endlich das aktive und passive Wahlrecht erkämpft. Die durch ihr politisch-soziales Engagement weithin bekannte und als "Vorkämpferin für die arbeitende Frauenwelt" (5) bezeichnete Laura Schradin wurde am 13. Januar 1919 in die Verfassunggebende Landesversammlung des Württembergischen Landtags gewählt, schied aber schon im selben Jahr wieder aus. (6) 1920 kandidierte sie für die SPD auf Platz 5 der württembergischen Liste für die Reichstags wählen. (7) Der hohe Stimmenverlust der SPD bei dieser Wahl verhinderte ihren Einzug in den Deutschen Reichstag in Berlin, der ihr durch die günstige vordere Platzierung fast schon sicher gewesen wäre.

Entmutigen ließ sich Laura Schradin dadurch aber keinesfalls, wie ihr weiteres politisches Engagement deutlich macht. Fünf Jahre lang, von 1920 bis 1925, gehörte sie dem Reutlinger Gemeinderat an und war in dieser Eigenschaft auch Mitglied des Schulkuratoriums der Frauenarbeitsschule, (8) deren spätere Nachfolgerin, die hauswirtschaftliche Schule, heute ihren Namen trägt. Trotz gesundheitlicher Beeinträchtigung engagierte sie sich nach ihrem Ausscheiden bei öffentlichen Reden und durch praktische Hilfe weiter für sozial Benachteiligte. Ihrer politischen Überzeugung blieb sie auch im Nationalsozialismus treu. Mutig versteckte Laura Schradin, die damals schon in Tübingen wohnte, im Herbst 1933 für mehrere Wochen einen von den Nationalsozialisten verfolgten Kommunisten. (9) Auch sonst behielt sie ihre politische Meinung nicht gerade zurückhaltend für sich, was ihr eine Denunziation und, trotz Haftunfähigkeit, eine dreimonatige Gefängnisstrafe einbrachte. (10)

Am 8. März 1937, dem Internationalen Frauentag, ist Laura Schradin in Tübingen an den Folgen eines Schlaganfalles gestorben. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem alten Reutlinger Friedhof "Unter den Linden". Gerade noch rechtzeitig vor der Einebnung wurde ihr Grab, nach öffentlichem Protest, von der Stadt unter besonderen Schutz gestellt und wird so für die Nachwelt erhalten bleiben.

Anmerkungen
(1) Keim 1975, S. 91
(2) Rieth 1978, S. 13
(3) Ebd. S. 15-16
(4) Laura-Schradin Schule Reutlingen (Hrsg.) 1993, S. 37
(5) so in der Tübinger Chronik vom 14.12.1918, zit. nach "Wir lernen im Vorwärtsgehen" 1990, S. 308
(6) Hochreuther 1992, S. 87
(7) Reutlinger General-Anzeiger vom 11.5.1920, zit. nach Hochreuther 1992, S. 87
(8) Laura-Schradin-Schule Reutlingen (Hrsg.) 1993, S. 38
(9) Rieth 1978, S. 34
(10) Ebd.
Literatur

  1. Gerhard, Ute: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Reinbek b. Hamburg, 1990

Hochreuther, Ina: Laura Schradin. In: Dies.: Frauen im Parlament. Südwestdeutsche Abgeordnete seit 1919. Stuttgart, 1992, S. 85-87

  1. Industriegewerkschaft Metall (Hrsg.): Wir lernen im Vorwärtsgehen! Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Reutlingen 1844-1949. Heilbronn, 1990
  2. Keim, Karl: Alt-Reutlingen. Bilder, Berichte, Erinnerungen. Reutlingen, 1975
  3. Laura-Schradin-Schule Reutlingen (Hrsg.): 125 Jahre Hauswirtschaftliche Schule Reutlingen 1868-1993. Jubiläumsschrift zum 125-jährigen Bestehen der Laura-Schradin-Schule in Reutlingen. Reutlingen, 1993 . (Darin: Laura Schradin - ein selbstbestimmtes Leben im Dienste der Schwachen der Gesellschaft, S. 32-38)
  4. Rieth, Gustav Adolf: Laura Schradin, ein Leben für das Recht der Frau. In: Reutlinger Geschichtsblätter, Jg. 1978, Neue Folge, Nr. 17, S. 7-37